(zurück zur Übersicht) Mein Bloghaus (zurück zur Übersicht)
Ohne Resilienz- und Versöhnungs-Blah-Blah:
Wut, Hass und Versöhnung
auf der Suche nach einem konkreten
niederschwelligen Beratungsangebot
für davon betroffene Menschen
in schwierigen Zeiten
Der Tanz auf dem Vulkan
Ich würde es zum Unwort des Jahres 2024 erkören, und doch scheint es seine wissenschaftliche Berechtigung zu haben: Resilienz. Nur Deppen "halten immer durch". Das was mit der wissenschaftlich formulierten Resilienz jedoch wirklich gemeint ist, ist die kluge Neubesinnung auf das Gewesene und die kreative Neukonstruktion von ich (was ich bin) und selbst (wie ich gesehen werden möchte) in Richtung auf eine lebenswertere Zukunft in schwierigen Situationen oder Zeiten des Streits und der Feindschaft unter Menschen.
Die deutsche Sprache hat wunderbare Worte, wie beispielsweise Versöhnung. Schon aber würden moderne politisch korrekte Menschen einwänden, dass es doch wohl inzwischen besser Vertöchterung heißen sollte. Und was machen Eltern mit "diversen" Kindern, wenn sie sich auch mit denen wieder vertragen wollen? Doch dieser Beitrag soll keine Comedy bezüglich wissenschaftlicher und politisch korrekter Beratungsdialoge werden, sondern er ist stattdessen sehr ernst gemeint.
Erschreckende Szenarien sind uns über die Feiertage begegnet: Menschen, die voller Wut und Hass sind, maßen sich an andere Menschen zu verletzen, zu töten und zu zerstören.
Sicher hat schon jeder selbst einmal Wut oder gar Hass empfunden, allzu menschlich also; aber wie ist es möglich, dass sich der Hass so weit steigert, dass die Grenze der Menschlichkeit dabei überschritten wird?
Natürlich will ich nicht versuchen eine Erklärung dafür zu liefern. Dazu gibt es längst einen umfassenden Überbietungs-Wettbewerb unter diversen AutorInnen, literarisch, künstlerisch, philosophisch und psychologisch, aber auch soziologisch oder politisch. Viel Hilfreiches kann man dabei erfahren, aber die universelle Antwort auf die Entstehung des Bösen in der Welt, die gibt es natürlich nicht.
Mir geht es eher um eine konstruktive Antwort auf diese Desaster, bin mir aber noch nicht schlüssig über den richtigen Weg dorthin.
Wie kann man Menschen vor diesem Kipppunkt erreichen und auffangen, bevor die eigene Wut und daraus resultierender Hass in die Bereitschaft zur Tat und deren anschließender Durchführung umschlägt? Auf dem Weg dorthin muss es innere Widersprüche und sogar Zweifel gegeben haben, bevor dann die brachiale innere Gewalt zugeschlagen und zu solch einer Tat geführt hat.
Aktuell werden vor allem innenpolitische Lösungsvorschläge zur Vermeidung solch individueller oder auch kollektiver Terrorakte gesucht, und das ist sicher auch richtig so; aber gibt es vielleicht komplementär nicht auch noch andere Möglichkeiten der Prävention um TäterInnen (fast immer aber sind es allerdings bis auf seltene Ausnahmen vor allem Männer) von solch desaströsen Kurzschlüssen abzuhalten und zu bewahren?
Nach Jahren meiner eigenen ursprünglichen beruflichen Tätigkeit als Wissenschaftler und Unternehmer habe ich inzwischen seit fast 10 Jahren als Berater in unterschiedlichen Aufgaben und Einrichtung der Betreung von Menschen in unterschiedlichsten Lebens- und Krisensituationen gearbeitet.
Dabei ist mir folgendes aufgefallen: Gibt es die richtigen Ansprechpartner in einer Krise, dann lassen sich zumeist auch irgendwelche kreative Lösungen finden. Das Problem lag dabei oft eher darin, dass die Betroffenen für sich erst einmal ein Verständnis dafür entwickeln mussten, dass sie sich tatsächlich in einer Krise befinden, und dass sie zweitens die Gelegenheit finden sich eine Vorstellung davon zu erarbeiten, wer ihnen bei dem Weg zu einer Lösung behilflich sein könnte. Oft reichte ein einfaches Gespräch zumindest in der Anfangsphase, um einen neuen besseren Lösungsweg für aufgeworfene Probleme einzuleiten.
Wer wie ich selbst öfters im Leben Wut und Hass entwickelt hat, und das Glück hatte sich dabei nicht vollends zu verlassen und zu verlieren, der wird verstehen, wie wichtig die Überschreitung der Schwelle von den aufwallenden Gefühlen zu einem Gespräch darüber mit Zweiten oder gar Dritten ist. Die Korrektur des eigenen Verhaltens liegt dann in der Regel in den neuen Perspektiven, Konflikte auch anders zu sehen und zu lösen, als man dies in einer solchen Einbahnstraßen-Situation für sich selbst vorher kurz geschlossen hat. Nun möchte ich angesichts von Terror und Gewalttaten nicht allzu philanthropisch werden. Die endgültige Vermeidung liegt natürlich bei den PolizistInnen, KriminalistInnen und JuristInnen, die mit solchen Aufgaben rechtsstaatlich befasst sind. Bei absehbar feststellbaren Erkrankungen der menschlichen Psyche kommen als "Retter in der Not" die professionellen Angebote der Psychiatrie und Psychotherapie hinzu.
In den letzten Jahren arbeitete ich auch in Sprachkursen für Flüchtlinge und Migranten. Im Rahmen der sich verschärfenden chaotischen Lage in Nahost erlebte ich dabei immer häufiger Menschen, die nicht nur im privaten Alltag im Umgang mit Partnern, Kindern, Eltern, Nachbarn, Arbeitskollegen oder übergeordneten Behörden und Vorgesetzten heftige Wut, Hass und Aggressionen entwickelten, sondern darüber hinaus ein immer schieferes unversöhnliches Weltbild in der Beurteilung anderer Menschen sozialer Einrichtungen und Kulturen entwickelten.
Wie aber erreicht man solche Menschen, um sie vor sich selbst und Andere vor ihren Kurzschlusshandlungen zu schützen? Niederschwellige schon tradierte allseits bekannte Beratungsangebote vorab auch zur akuten schnellen Krisenintervention im psycho-sozialen Bereich gibt es natürlich längst, von der Drogenberatung über die Frauenhäuser bis hin zur Telefonseelsorge. Oft aber müssen die etablierten "Feuerwehren" der Welt relativ unvorbereitet die Versorgung von Opfern der Tat auf beiden Seiten dann doch wieder "akut" übernehmen, während die Vermeidung der Täterschaft vorab fast kaum möglich zu sein scheint, auch wenn sie "rhetorisch" im Nachhinein fast immer ebenso schnell wie die strafbare Handlung möglichst publikumswirksam als "Versäumnisse" nachgeliefert wird. Mentale "Fehler", die bei den Beteiligten unter Umständen früh hätten diagnostiziert werden können, die hätten dann auch vielleicht sogar faktisch gemildert oder vermieden werden können um den barbarischen Akt gar nicht erst "zuzulassen". Die längeren Phasen des individuellen und persönlichen Aufbaus des eigenen Täterprofils der jeweils unverantwortbar Handelnden geraten dann bei der Vermeidungsanalyse aber doch nach kurzer Zeit nach einem solchen "Attentat" wieder in den Hintergrund.
Warum gibt es eigentlich keine direkten Beratungsstellen für das unmittelbare Wechselspiel von Wut, Hass und danach durchaus auch denkbarer positiver Versöhnung (eine Versöhnungsberatungsstelle)? In der Justiz haben sich als erfolgreiche Zwischenschritte immer mehr und immer häufiger vor einem durch finale Urteile versiegelnden Prozeß sogenannte "Schlichtungsstellen" etabliert. Oft aber ist dabei das Kind im sprichwörtlichen Sinne bereits in den Brunnen gefallen, bevor diese aufgesucht werden. Das macht die strukturelle und institutionnelle Versöhnung deshalb so schwer. In der Psychologie haben sich Verfahren der Mediation und des Mentalisierens etabliert, um Hilfe zum Verständnis der eigenen Situation im Rahmen von Konflikten unter den Beteiligten zu erarbeiten.
Wächst die Wut und der Hass unter Ehepartnern beispielsweise, so wird der Weg in die Eheberatung - trotz denkbarer Einsicht der Beteiligten - dann doch nicht gesucht, weil der akute Gefühlsstau wieder abgeebbt ist, oder eine solche Beratung auf Dauer auch sehr teuer sein kann. Das Schöne und hilfreich "Preiswertere" auf dem Weg zur Lösung in einem solchen Falle können bereits kluge und besonnenere Freunde, Verwandte oder Bekannte sein, die vielleicht nur im spontanen und unkonventionellen Gespräch zu einer Umorientierung und Versöhnung beitragen.
Ist eigentlich insofern nicht auch eine niederschwellige unbürokratische öffentliche Anlaufstelle denkbar, wenn eine solche private "Versorgung" mit hilfreichen konstruktiven meist privaten Gesprächsangeboten zur Lösung nicht vorhanden bzw. möglich ist, und Betroffene mangels von solchen Freunden, Verwandten und Bekannten, also die unter Wut- und Hass-Atacken leidenden Menschen, mit sich nur noch alleine zurecht kommen müssen?
Die "Telefonseelsorgen" dieser Welt, auch wenn sie zumeist konfessionell nicht gebunden sind, leiden doch unter ihrem quasireligiösen Nimbus. Prima, wenn ein Mensch in einer tiefen und akuten sozialen Krise eine solche Hilfe annimmt, aber mir schwebt doch auch noch eine andere Lösung vor, die den gesamten Prozess einer vorjuristischen und vorgerichtlichen Versöhnung in Angriff nehmen und entsprechend begleiten kann.
Im Konflikt zwischen Eltern und Kindern beispielsweise treten vor allem zum Schutz der Letzteren Jugendämter auf den Plan. Diese sind bei gravierenden "Fehl-Situationen" dazu sogar gesetzlich verpflichtet aber inzwischen völlig mit solchen Aufgaben überbelastet und überfordert. Familien- und Erziehungs-Beratungsstellen sind die nur allzu selten in Anspruch genommene Vorstufe dazu?
Aber was machen traumatisierte Flüchtlinge oder Menschen, die beginnen voller innerer Wut später auch andere Menschen zu hassen? Wie geht man mit politischem Hass auf ganze Menschengruppen auch unter Bio-Deutschen um, anstatt schon in einer frühen Phase zu einer Versöhnung zwischen den Fronten beizutragen? Wer ist die erste direkte Anlaufstelle für Hass unter den eigenen Familienangehörigen, Nachbarn, Bekannten oder Arbeitskollegen? Werden nicht gerade auch auf familienunabhängigeren Feldern Chancen vertan, wenn man im Gemeinwesen dafür nicht schnell zusätzliche professionelle neue Anlaufstellen anbietet? Mir schwebt insofern tatsächlich eine institutionelle Anlaufstelle für Menschen mit Wut und Hass mit einer prinzipiellen Bereitschaft zum Gespräch vor, die einen Beitrag zur Versöhnung leisten könnte.
Zwei Voraussetzungen sind dafür aber notwendig:
1. Die eigene Erkenntnis und der Wille dass man sich in einer Krise befindet,
und sich selbst darin "befrieden" will,und
2. Das Wissen um das Vorhandensein einer solch hilfreichen Institution.
Die betroffenen Phänomene und ihre Folgen sind meist sektoriell:
- Ich bin wütend auf meine Eltern, und weil sich die Wut ohne eigene Lösungsversuche stabilisiert, entwickle ich mittel- bis langfristig darüber hinaus auch manifesten Hass, der sich dann umso schneller verfestigt.
- Ich bin wütend auf meine Kinder und Nachkommen, und weil sich die Wut ohne eigene Lösungsversuche stabilisiert, entwickle ich mittel- bis langfristig darüber hinaus auch manifesten Hass, der sich dann umso schneller verfestigt.
- Ich bin wütend auf meine Partnerin und meinen Partner, und weil sich die Wut ohne eigene Lösungsversuche stabilisiert, entwickle ich mittel- bis langfristig darüber hinaus auch manifesten Hass, der sich dann umso schneller verfestigt.
- Ich bin wütend auf meine Nachbarn, und weil sich die Wut ohne eigene Lösungsversuche stabilisiert, entwickle ich mittel- bis langfristig darüber hinaus auch manifesten Hass, der sich dann umso schneller verfestigt.
- Ich bin wütend auf meine ArbeitskollegInnen, und weil sich die Wut ohne eigene Lösungsversuche stabilisiert, entwickle ich mittel- bis langfristig darüber hinaus auch manifesten Hass, der sich dann umso schneller verfestigt.
- Ich bin wütend auf Unternehmen oder Behörden bzw. deren Mitarbeiter, und weil sich die Wut ohne eigene Lösungsversuche stabilisiert, entwickle ich mittel- bis langfristig darüber hinaus auch manifesten Hass, der sich dann umso schneller verfestigt.
Die Hass-Modelle und ihr Stakkato sind insofern stets ähnlich und gleichen einander, obwohl ihre Ursachen und Ausprägungen oft völlig unterschiedlich sein können. Sie verschränken sich manchmal aber doch auch und kulminieren am Ende in einer Hass-Persönlichkeit. Spätestens dann ist die höchste Alarmstufe erreicht. Aber vielleicht ist es doch schon möglich früher in diesen Teufelskreis einzugreifen. Dazu wünsche ich mir erst einmal einen neuen gesprächsoffenen öffentlich leicht zugänglichen Anlaufpunkt, der so niederschwellig sein sollte, dass er auch Menschen erreichen kann, die Angst vor langwierigen Psychotherapien oder gar der Einweisung in geschlossene Einrichtungen haben. Auch wenn im Rahmen von Religionen solche Angebote durchaus vorhanden sind, ist die Religion oder Kirche in einer immer stärker säkularisierten Welt oft ebenso eine Hürde für das Aufsuchen für die Hilfe, wie das Geld, das für Zusatz-Leistungen gezahlt werden muss, die die Krankenkassen nicht übernehmen. Sind mehrere bekannte Personen in einen solchen Hasszirkel involviert, kann es schon hilfreich sein, wenn ein nicht direkt involvierter Mensch die Rolle des unbeteiligten Moderators auf der Suche nach neuen Lösungsmöglichkeiten übernimmt. Störungen der Kommunikation und Unverständnis für einander kann oftmals schon durch gewisse analytische "Klärungen" erreicht werden.
Bei Wut und Hass gibt es Ähnlichkeiten zum Unterschied von Angst und Furcht.
Angst ist meist relativ unkonkret und diffuser, während man bei der 'Furcht "vor"' vielleicht schon benennen kann, was auf Dauer bearbeitet, bewältigt und dadurch vermieden werden kann und sollte. Ängste zu vermeiden, aber auch ein gewisses Niveau von Angst zu ertragen, sich vielleicht dem sogar ab und an mutig entgegenzustellen, könnte eine weitere Aufgabe einer Beratungsstelle sein, deren Aufgabe es dann auch wäre im Netzwerk der vielen schon vorhandenen Beratungsangebote vielleicht nur die Fäden für sinnvolle Kooperationen und Weiterleitung von Betroffenen zu spinnen.
Bei den Beratungsstellen, die ich im Rahmen von Sprach- und Integrationskursen sozialpädagogisch betreut habe, konnte die Hilfe bei ganz anderen oft allzu normalen Alltagsproblemen, die der Versöhnung gar nicht erst bedurften, den Druck aus den Köpfen und Seelen von krisengeschüttelten Menschen nehmen, um das Aufkommen unangebrachter Wut oder Hass gar nicht erst zu provozieren. Konstruktive Resilienz ist die, die das "notwendige" Ertragen fördert, und die dann aber darüber hinaus auch tatsächlich offen ungerechtfertigte Mißstände in eine politische und soziale Empörung zu verwandeln vermag, ohne deshalb jedoch individuell an der oft allzu schwer erreichbaren Dauer von Veränderungen persönlich zu verzweifeln.
Wut und Hass liegen anfangs nur "Ärger" über selbst erfahrene oder antizipierte Mängel oder Mißstände zugrunde, die jeweils unter Konfliktparteien oft zudem sehr unterschiedlich wahrgenommen und betrachtet werden. Schnell gibt es Schuldzuschreibungen und persönliche Verurteilungen des Verhaltens Zweiter und Dritter, die der eigentlichen eher objektiveren und vernünftigeren Analyse der aufgeworfenen Probleme gar nicht mehr zugänglich sind. Beratungsangebote sollten hier erst einmal nur zur Klärung und "Schärfung" der Sichten beitragen, oft ist dies bereits der erste Schritt zu nachfolgenden Lösungen. Aber hier genau endet mein persönliches "Latein". Wie öffnet man Menschen die sich für sich selbst und für andere verschlossen haben? Mir schweben da höchstens diverse lebenserfahrene GesprächspartnerInnen vor, die entweder auf professionelle, oder aber wie vielfach in der Telefonseelsorge geübt, empathisch, aber sachlich vernünftige Weise als freiwillige "Weise" Brücken zu bauen vermögen. Den Diskurs darüber gebe ich nun eben gerade in die Hände derjenigen Einrichtungen und Stellen zurück, die ich aktuell mit dieser Idee hoffentlich konstruktiv zu infizieren versuche. Im unteren Bild liegt mein Traum eines Ereignisses begründet, das an einem solch neuen Gesprächs- und Beratungsort geschaffen werden könnte:
Mit diesem Beitrag möchte ich auch eine Anregung dazu liefern mir Vorschläge und Ideen an die folgende E-Mail-Adresse zu übersenden (ulilange@gmx.net), damit ich sie in einen Diskurs unter Fachleuten und Betroffenen einbringen kann, um vielleicht erst einmal in Berlin in den nächsten Monaten ein solches Angebot zu etablieren.
Man sollte die Menschen dabei vielleicht auch dort aufsuchen, wo sie bereits begonnen haben sich selbst und ihr Verhalten zu reflektieren, z.B. in Sprach- und den gesetzlich vorgeschriebenen Integrationskursen für Flüchtlinge und Migranten. Aber auch kulturelle Einrichtungen, die sich für den Integrationsdialog und damit verbundene Gespräche schon in der Vergangenheit geöffnet haben, wären dafür sicher geeignet. RichterInnen könnten dann Menschen, die insofern schon jetzt, aber womöglich eben nur leicht mit dem Gesetz oder anderen Menschen unangemessen in Konflikt geraten sind, zu Versöhnungskursen in solch einer Einrichtung verpflichten.